"Darf man als Junge weinen?" - "Nein, du bist ja kein Mädchen!" - Choose now-Präventionstag

„Darf man als Junge weinen?“- Eine von vielen Fragen, die den Jungen der 9ten Klassenstufe vergangene Woche gestellt wurde. Robert Deiss, der an diesem Morgen im Jugendhaus TALX vor ihnen steht, ist jung, dynamisch und – sensibel. Weil er das als Jugendlicher aber nicht sein durfte, weil er zu oft Mobbingopfer wurde, hat er über viele Jahre hinweg sein wahres Ich hinter verschiedenen Rollen versteckt. Er wollte den anderen gefallen – mal als Rapper, mal als Rocker, mal als exzessiver Kraftsportler. Er wollte stark sein, dazugehören, Party machen. Echte Freunde fand er dabei aber nicht. Selbst mit einer Karriere als Jurist wurde er nicht glücklich, bis er merkte, dass er endlich sich selbst finden und auf seine innere Stärke setzen muss. Aber darf man nun weinen? Darf man es vor allen anderen, vor den Jungen wie vor den Mädchen in seiner Klasse, in der Schule? - Oder ist das peinlich? Viele würden sicher mit einem einfachen „Natürlich“ antworten, da es jedem selbst überlassen ist, wie er auf Situationen reagiert, ob man nun weint oder nicht. Doch oftmals unterdrückt man es, da eher Mädchen weinen und wenn man nun weint, sei das wohl nicht „männlich“. Oftmals verstellen sich Menschen aufgrund dieser veralteten Geschlechterrollen.

Längst wird die Selbstdarstellung auch für junge Männer immer wichtiger. Die damit verbundene Verunsicherung über die eigne Persönlichkeit ist ein Nährboden für die ganze Palette der Sucht von Alkohol über Computer bis zu Essstörungen. Dem will das Präventionsprogramm mit dem Titel „Choose now“ entgegenwirken, das die Schulsozialarbeiterin Ingrid Hinzel-Hees und die Präventionslehrerin Sandra Wahl zum zweiten Mal ans EKG geholt haben. Nun erhielten die Jungen an diesem Präventionstag einen Eindruck davon, dass jene Ansichten nichts weiter als Ansichten sind und es einem selbst überlassen ist. Auch wenn man selbst schon darauf gekommen ist, war es trotzdem ein Unterschied es von einem Mann zu hören, der mehr erlebt hat, der Lebenserfahrung gesammelt hat, der auch die Welt außerhalb einer Schule gesehen hat, der Freunde kommen und gehen sah, der Schmerz verspürte. Und genau jener Punkt sorgte dafür die Botschaft mehr zu verinnerlichen. Man soll selbst das Leben in die Hand nehmen, ohne auf andere zu hören – einfach man selbst sein. Und genau das war das Ergebnis dieses Tages – nach den Worten einiger Schüler ein „eindrucksvollerer“ Tag als ein normaler Schultag.

Parallel zu dem Gespräch mit den Jungs durchleuchtet das ehemalige Model Kera Deiss im zweiten Jugendhaus mit den Mädchen der Jahrgangsstufe 9 die Bilder von Weiblichkeit, die selbst im emanzipierten 21. Jahrhundert in der Öffentlichkeit vermittelt werden. Gespannt verfolgen die jungen Frauen, wie man mit Bildbearbeitung das Foto eines individuellen Models in ein überzogenes Klischee verwandeln kann. Das Fazit ist eindeutig: „Du kannst in der Realität nicht so aussehen wie diese Bilder!“ Die Mädchen lernen zu durchschauen, wie raffiniert Frauenbilder zur Manipulation und zur Werbung eingesetzt werden. Kera Deiss, die selbst mit 21 Jahren bei Germany´s Next Topmodel teilnimmt und damit eine schwere Zeit durchmacht, bestärkt die Jugendlichen darin, auf ihre eigene Ecken und Kanten und ihre ganz individuellen Stärken zu setzen und „echte Menschen mit echten Gefühlen zu sein“. Mittlerweile lebt sie nach den Mottos "Glücklich ist das neue Schön" und "Du bist mehr wert als dein Aussehen". Außerdem ist sie Autorin und hat Bücher verpasst, wie "Hässliches Entlein war gestern". Durch ihren unterhaltsamen und trotzdem ernsten Vortrag hat sie viele Mädchen berührt und sie ein Teil ihres Hashtags #Lieblingskörper werden lassen.

Text: Geray Gürgüz, Selin Killi (Kl. 9), D. Weber/ekg // Fotos: D. Weber/ekg

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