Vortrag über Namenspatron Kästner

Keiner weiß so viel über den Schriftsteller Erich Kästner wie er: Der Münchner Germanistikprofessor Dr. Sven Hanuschek war anlässlich des 50jährigen Schuljubiläums zu Gast am Erich Kästner Gymnasium und stellte verschiedene Facetten des Namensgebers der Schule vor.
Im Zentrum des Abends standen die Jahre der inneren Emigration, denn Hanuschek hat das „Blaue Tagebuch“ von Erich Kästner aus den Jahren 1941 bis 1945 neu herausgegeben und dafür viele Hintergrundinformationen zusammengetragen. So konnte er den Schülern und interessierten Gästen in der übervollen Mensa spannende Einblicke in das Leben und Denken des verbotenen Schriftstellers im „Dritten Reich“ vermitteln.
Das Rahmenprogramm an diesem Kästnerabend gestalteten drei Schüler der 12. Jahrgangsstufe. Bianca Müller, die das Gedicht „Die andere Möglichkeit“ selbst vertont hat, unterstrich mit ihrem mitreißenden Gesang die beißende Ironie Kästners. Wie provokativ und hochaktuell Kästners Texte sind, zeigte auch Tim Uebele mit seiner eindringlichen Rezitation des Gedichtes „Denn ihr seid dumm“. In dieser Abrechnung Kästners mit der aggressiven Rückwärtsgewandtheit seiner Zeitgenossen heißt es: „Ihr liebt den Hass und wollt die Welt dran messen.“ Und Hülya Aydin vermittelte anschaulich Kästners Mahnung gegen militärisches Denken: „Kennst du das Land, wo die Kanonen blühen?“
Professor Dr. Sven Hanuschek zeichnete in seinem Vortrag ein detailliertes Bild des bekannten Schriftstellers. Aber nicht die Kinderbücher wie „Emil und die Detektive“, die Kästner berühmt gemacht haben, standen im Mittelpunkt. Es ging um Kästners gesellschaftskritische Schriften, mit denen er sich in der Zeit der Weimarer Republik nicht nur treue Leser, sondern auch viele Feinde geschaffen hat, besonders unter den Nationalsozialisten. Deshalb wurden Kästners Werke gleich nach ihrer Machtübernahme 1933 verboten. Der Schriftsteller verließ das Land aber nicht, sondern blieb trotz ständiger Bedrohung in Berlin und beobachtete als Zeitzeuge sogar die öffentliche Verbrennung seiner Bücher.
Eindrucksvoll zeigte Professor Hanuschek anhand der Tagebucheinträge Kästners, deren Geheimschrift er entschlüsselt hat, wie schwer es für den Schriftsteller war, im „Dritten Reich“ zu überleben, ohne seine Überzeugungen dabei aufzugeben.
So belegte der Referent an Beispielen, dass es selbst dem erfahrenen und gut vernetzten Journalisten Kästner oft nicht gelang, die Wahrheit hinter den Falschmeldungen der Nationalsozialisten zu erkennen und deren Lügen zu entlarven. Hanuschek beschrieb aber auch einige Situationen, in denen es Kästner geschafft hat, das System auszutricksen, etwa indem er der letzten Verhaftungswelle zum Kriegsende als vermeintlicher Drehbuchautor in Österreich entging.
Es waren die konkreten Alltagsbeschreibungen aus Kästners Tagebuch, die auch die Schüler berührten: Die Todesanzeige einer ganzen Großfamilie, umgekommen im Bombenhagel, was aber in der Anzeige nicht erwähnt werden durfte. Kästners verzweifelte Aufzeichnungen über den Bombenangriff auf Dresden, wo seine Eltern ausharrten: „Immer noch keine Nachricht aus Dresden – und ich kann nicht hinüber ohne Reiseerlaubnis!“ Im „Blauen Tagebuch“ finden sich auch die Entwürfe des großen Romans, den Kästner über die verhängnisvollen zwölf Jahre der deutschen Geschichte schreiben wollte - als Grund für sein Bleiben in Deutschland und als Ziel seiner Zeugenschaft. Aber mit den schonungslosen Schilderungen der grausamen Erfahrungen von KZ-Überlebenden bricht das Tagebuch mitten im Jahr 1945 ab. Da muss Kästner klar geworden sein, dass man über die Verbrechen dieser Zeit keinen Roman schreiben kann und sei er noch so zynisch.
Professor Hanuschek zeigte an diesem Abend im EKG einen Kästner, der an seiner Zeit gescheitert ist und der sich doch immer weiter gegen Gewalt und Unmenschlichkeit gestemmt hat, gerade in seinem politischen und literarischen Engagement bis zu seinem Tod 1974. Der Referent vermittelte einen nahbaren Kästner voller Widersprüche, einen Erich Kästner, der gerade darin ein Vorbild ist für eine Schule, die im Jahr 2019 ihr fünfzigstes Jubiläum feiert.

Text & Bild: D. Weber/ekg

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